Predigten Februar - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Februar

Predigten > 2018
Amos 5, 21-24 u Römer 12, 1; Estomihi; 11.02.2018

Liebe Gemeinde, ich hab‘ mich gefreut, dass ich im Januar vier Sonntage hintereinander frei hatte – aber nun bin ich auch wieder froh, dass es ‚normal‘ weitergeht! Mir hat das gefehlt – diese Zeit am Sonntagvormittag in unserer Kirche, die Lieder der Chöre, und dass wir einfach hier miteinander Gottesdienst feiern. Jetzt kommt ‚Amos‘ rein – spricht laut und zornig:

Ich hasse eure Feiern, geradezu widerwärtig sind sie mir, eure Opferfeste verabscheue ich. ... Das Geplärr eurer Lieder kann ich nicht mehr hören, verschont mich mit eurem Harfengeklimper.  Setzt euch lieber für die Gerechtigkeit ein! Das Recht soll das Land durchströmen wie ein nie versiegender Fluss.

Hee – was ist das denn?!? Das ist ja wohl unverschämt! Einfach hier reinzuplatzen und unseren Gottesdienst schlecht zu machen! ‚Geplärr eurer Lieder‘, ‚Harfengeklimper‘ – was
fällt dir ein?!  Außerdem ist das überhaupt keine Harfe, sondern ’ne Orgel – und ‚Voices‘ hat
schön gesungen und wir als Gemeinde auch! Von wegen ‚Geplärr‘!  

Ihr habt es längst gemerkt, liebe Gemeinde – diesen kleinen Auftritt haben wir gestellt. Dir, liebe Antje Giezel, vielen Dank dafür, dass du das mitgemacht hast!   Aber machen wir uns nichts vor – genau mit diesen Worten hat Gott schon einmal den Gottesdienst gestört. Damals gesprochen von Amos, seinem Propheten. Mitten in den Gottesdienst der jüdischen Gemeinde ist er reingeplatzt. Dort, wo Opfergaben dargebracht und heilige Gesänge gesungen wurden. Wo gebetet und auf Worte aus der Bibel gehört wurde. Da platzt der Prophet rein und schleudert zornig diese Worte um sich – und in Wirklichkeit sind es ja Gottes Worte!  Gott selbst beschwert sich darüber, wie Gottesdienst gefeiert wird! Er kann es nicht mehr hören und es ist ihm widerwärtig!  Und dadurch, dass das bis heute in der Bibel steht, dadurch können wir auch nicht einfach sagen: ‚Komm, das war vor 3000 Jahren, das geht uns nichts mehr an!‘   Wir kommen nicht drum rum, dass wir uns mit diesen harten, kritischen Worten auseinandersetzen. Sie sind in die Bibel hineingekommen – und das bedeutet ja wohl: das, was sie meinen, das ist bis heute gültig – und es gilt auch für uns heute hier in unserer Gemeinde und in dieser Kirche!   Wenn wir uns das mal durch den Kopf gehen lassen, dann überlegen wir ja sicher erstmal: was läuft denn falsch?  Mir jedenfalls fällt da nichts ein – im Gegenteil: Christian spielt die Orgel schön, die meisten von euch singen gut mit; der Chor hat tolle Lieder ausgesucht und ist voll bei der Sache; Didi Garrels hat die Lesung gut hingekriegt und ich hab‘ bis jetzt nicht rumgestottert; der Altar ist geschmückt und die Technik funktioniert. Alles gut!

Alles gut! Das haben die damals auch gedacht, zu Amos‘ Zeiten! Alles gut – wir feiern den Gottesdienst, so wie es sich gehört! Aber trotzdem haut Gott dazwischen!  Und nun nehme ich einen zweiten Bibeltext dazu – der hilft uns nämlich, dass wir das besser verstehen können. Ich lese aus dem NT, Römer 12, 1, da schreibt der Apostel Paulus:  „Brüder und Schwestern, weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Bringt euch Gott als lebendiges Opfer dar, ein Opfer völliger Hingabe, an dem er Freude hat. Das ist für euch der vernünftige Gottesdienst.“

Hier geht’s genau um das, was Amos damals im Gottesdienst rausschleuderte -  und es wird erklärt, worum es dabei eigentlich wirklich geht, was Gott meint. Er lässt uns fragen: ‚Was tut ihr eigentlich, wenn ihr aus der Kirche rausgegangen und wieder im Alltag seid? Wie geht ihr miteinander um – in der Familie, auf der Arbeit, in der Kneipe, im Verein? Wie verhaltet ihr euch an der Fleischtheke im Laden, wenn ihr ’n Moment warten müsst? Wie begegnet ihr der Kassiererin im Supermarkt, die schon ziemlich genervt ist.  Können diese Menschen auch noch merken, dass ihr am Sonntag in der Kirche gewesen seid?

Gott stört sich gewaltig daran, dass das oft auseinanderklafft: das, was seine Leute Sonntags in der Kirche tun – und das, was sie im Alltag tun!  Für ihn ist das so, dass dadurch sozusagen rückwirkend der Gottesdienst entwertet wird!  Unsere Gottesdienste verkommen zur billigen Sonntagsrede, wenn in unserem Alltag nichts mehr von dem zu spüren ist, was Gott uns am Sonntag mit auf den Weg gegeben hat!

"Hier findet viermal täglich Gottesdienst statt!"  So stand auf einem Zettel zu lesen. Und dieser Zettel, der hing nicht etwa im Schaukasten einer besonders lebendigen Kirchengemeinde, sondern dieser Zettel hing über der Spüle in einer Küche. Und er weist uns in eine wichtige Richtung: dass ich Christ bin, das geht mein ganzes Leben an und das kann ich nicht auf einen bestimmten Bereich beschränken, so nach dem Motto: in meiner Freizeit bin ich Christ und mein Hobby ist der Bibelkreis. Aber in meiner Arbeitszeit, da schikaniere ich meine Kollegen.  Oder: ich singe oder spiele zwar gerne in einem christlichen Chor mit - aber wenn ich dann mit meinem Auto zur Kirche fahre, dann stell ich mich ganz selbstverständlich auf den Behindertenparkplatz und es ist mir piepegal, ob ich damit einem, der genau auf diesen Platz angewiesen ist, die Chance nehme, zur Kirche zu können ohne gewaltige Umstände.   Gedacht ist das anders! Das Leben als Christ ist nicht aufgeteilt in einen Bereich, der Gott gehört  -den Gottesdienst, die stille Zeit am Morgen, mein Gebet vor dem Schlafengehen-  und in einen anderen Bereich, in dem Gott nichts zu suchen und nichts zu sagen hat. Briefmarken sammeln oder angeln - das mache ich in einzelnen Stunden meines Lebens. Aber Christsein, das geht nicht bloß für einige Stunden oder für besondere Zeiten, sondern das umschließt mein ganzes Leben. Auch die Stunden auf der Arbeit, in der Schule, im Verein, beim Einkaufen, und natürlich auch die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringe. Und darum hat diese Hausfrau mit ihrem Zettel über der Spüle vollkommen recht: "Hier findet viermal täglich Gottesdienst statt!"   Wenn ich Christ bin, dann ist auch die Zeit davon nicht ausgenommen, wenn ich dreckige Tassen abwasche oder angebrannte Töpfe scheuere. Und ich behaupte: es ist ein Unterschied, ob ich einen Berg voll Abwasch vor mir habe und ich gehe lustlos und widerwillig da ran, weil der Dreck irgendwann ab muss, oder ob  ich mir sage: dieser Abwasch, der gehört zu dem Bereich, den Gott mir anvertraut hat.  Und darum will ich das jetzt auch vernünftig machen - auch wenn ich vielleicht keinen Bock dazu habe.

So – das haben wir nun begriffen!  Bin ich also fertig für heute? Ist das, was Gott durch Amos und Paulus sagen lässt, jetzt erledigt? Nein – zu früh gefreut!  Dann wäre das heute nicht mehr als ein Appell in der Mannschaftskabine während der Halbzeit. Der Trainer blafft rum und wenn er Glück hat, dann sind die Spieler in der zweiten Halbzeit voll motiviert und schießen ein Tor nach dem anderen!   Aber so ist das mit Gottes Wort heute nicht gedacht –
nicht als Motivationsspritze, um besser zu werden.  Wie es gedacht ist, das kommt besonders gut raus in dem Satz, mit dem der Vers aus dem Römerbrief anfängt: „... weil Gott so viel Erbarmen mit euch gehabt hat, (darum) bitte und ermahne ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung! Hier geht es darum, dass der Alltag uns oft genug den letzten Nerv und die letzte Kraft raubt. Und über kurz oder lang kommen wir in die Lage, dass unsere Belastungsfähigkeit am Limit ist. Und dann verhält man sich manchmal so, dass man nicht wirklich damit glänzen kann.  Klar - es ist ja alles gut und schön, dass andere es eigentlich an uns spüren können sollten, dass wir Christ sind. Aber Hand aufs Herz: wie oft misslingt uns das denn?! Wie oft hauen wir was raus, was völlig daneben war?  Wie oft stellen wir unser Auto dann doch wieder auf den Behindertenparkplatz – einfach weil unsere Bequemlichkeit mal wieder gesiegt hat. Und mit diesem Scheitern muss man ja auch irgendwie fertig werden. Damit wir da nicht drin stecken bleiben. Und da kommt nun diese erste Gedanke ins Spiel: dass Gott Erbarmen mit uns hat! Er hat ein weites Herz für uns!
Er möchte, dass es uns besser geht – obwohl wir oft genug danebenhauen.  Und darum dient er uns! Und das ist vielleicht das erste, was am Gottesdienst wichtig ist: dass Gott uns dient!

Wir feiern ja nicht Gottesdienst, um Gott ein schönes Morgenprogramm zu präsentieren! Unsere Lieder sind keine Dienstleistung, um den Herrn der Welt gnädig zu stimmen!
Zuallererst ist das der Sinn eines jeden Gottesdienstes: Gott dient uns! Er gönnt uns das,
dass wir wenigstens diese eine Stunde zur Ruhe kommen. Dass wir uns sammeln. Dass wir etwas hören, was uns durch die kommende Woche begleitet oder uns bei einer Entscheidung hilft. Dass wir uns freuen an der schönen Musik. Wenn wir in den Lesungen und in der Predigt Gottes Wort hören, dann spricht Er uns an und lässt uns Sein Wort vom Leben hören.    Wenn wir beten, dann macht Er seine Ohren ganz weit für uns auf und wir haben die Möglichkeit, Gott das zu sagen, was uns auf der Seele liegt.  Gott tut uns etwas Gutes!  Das ist der erste Sinn des Gottesdienstes.

Manchmal werde ich gefragt: ‚Muss ich eigentlich zur Kirche gehen, zum Gottesdienst?‘
Ich kann in unserem Zusammenhang heute darauf nur sagen: natürlich musst du nicht zum Gottesdienst kommen - aber wenn du hingehst, dann hat Gott es viel einfacher, dass er dir für die neue Woche wieder die nötige Power geben kann. Und das sage ich nicht, weil ich sonntags gerne die Kirche voll haben will – sondern ich sage das darum, weil ich das auch in meinem eigenen Leben erfahren habe, und weil es mir von vielen anderen gesagt wird, dass die gute Stunde hier im Gottesdienst keine verschenkte Zeit ist. Natürlich – im Bett wäre es um diese Zeit ganz schön und gemütlich und sicher würde uns das Ausschlafen auch gut tun. Aber es hat nun mal nicht die Qualität, die ein Gottesdienst hat.

Unsere Kirche - ein Ort, an dem unsere manchmal so leeren Hände und Herzen neu gefüllt werden!  Eine Zeit, in der uns noch einmal ein anderer Blick auf unser Leben geschenkt wird. Unser Gottesdienst - ein Ort des Empfangens, des Beschenkt-Werdens und der Stärkung!
Und das wird über diese knapp 1 ½ Stunden weit hinausgehen! Davon zehren wir dann
auch noch in den Tagen danach!  In diesem Sinne wünsche ich dir, dass es dir nicht leid
tut, heute Vormittag hierhergekommen zu sein. Und ich wünsche dir eine gute neue Woche unter Gottes Segen. Amen.
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