Predigten Januar - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten Januar

Predigten > 2017
    

Predigt über Markus 4, 35 - 41; 4. Sonntag nach Epiphanias; 29.01.2017

 
Liebe Gemeinde, „Egon“ hat gewütet!  Vielleicht habt ihr in der OZ den Bericht von dem Mann gelesen, der mit der „AidaPrima“ in der Nordsee unterwegs war.  Eine wunderschöne Fahrt – bis „Egon“ kam!    Der Passagier beschreibt sehr eindrücklich, wie auf dem Schiff alles hin- und hergeflogen ist.  Aber auch, wie ruhig und besonnen sich die Besatzung um die Gäste gekümmert hat und dass er keine Minute Angst hatte, dass das Schiff sinken könnte.   Ganz anders haben es die Jünger von Jesus erlebt, als sie mit ihrem kleinen Fischerboot auf dem See Genezareth unterwegs waren. Ich lese aus Mk 4, 35-41: Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren.  Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.  Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde. Und Jesus war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich, und es entstand eine große Stille.  Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?  Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!   Vier Beobachtungen will ich weitergeben, die ich an diesem Bibelabschnitt gemacht habe.

 
1.: Der Sturm kommt plötzlich auf
Jesus hatte den ganzen Tag über zu den Menschen gesprochen. Inzwischen ist es Abend
geworden und Jesus will noch etwas Ruhe haben. Darum bittet er seine Jünger: Fahrt noch ein Stück mit mir auf den See hinaus! Sie rudern aus der Bucht auf das offene Wasser hinaus und setzen Segel. Erschöpft lässt sich Jesus auf einem Kissen nieder und schläft. Sanft schaukelt das Boot hin und her, während die Sonne langsam hinter dem Rücken der Jünger untergeht und die Häuser Genezareths langsam aus dem Blick geraten. Aber mit einem Mal ist diese Idyille zerstört! Urplötzlich, unvermittelt und ohne jede Vorwarnung peitscht ein heftiger Orkan auf das kleine Fischerboot ein, ‚... und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde und zu sinken drohte.‘ Die Ruderpinne wird ihnen aus der Hand gerissen, sie sehen die Hand nicht mehr vor Augen und verlieren die Kontrolle über das Boot. Gerade eben noch alles in Ordnung - und auf einmal ist nichts mehr in Ordnung!
Die Jünger müssen hier eine Erfahrung machen, um die auch Ihr nicht und ich nicht herumkommen werden. Auch in unserem Leben werden oder sind schon einmal Stürme losgebrochen. Genauso urplötzlich, unvermittelt und ohne jede Vorwarnung – genau wie die Jünger es jetzt erleben. Im Matthäusevangelium wird zusätzlich berichtet, dass sich ein heftiges Seebeben ereignete! Der See wurde regelrecht erschüttert.  Auch in unserem Leben bleiben diese Erschütterungen nicht aus: Plötzlich will das Herz nicht mehr; oder der Knubbel entpuppt sich als Krebs;  die Ehe der Kinder kommt ins Schlingern; die Firma geht den Bach runter. So etwas kann über uns hereinbrechen -  und meistens kommt es plötzlich, ohne Vorwarnung. Das ist dann wie ein Sturm, der uns das Ruder des Lebens aus der Hand reißt! Er ist unerwartet und er ist heftig. Aber - und das bringt mich zu meiner zweiten Beobachtung:

 
2.: Der Sturm ist nicht ungewöhnlich
Wie konnte es sein, dass die Jünger so mir nichts dir nichts in einen Sturm hineinsegeln?
Sie kannten sich doch aus! Waren da großgeworden.  War das denn nicht abzusehen? Hätten sie nicht sehen können, dass sich da was zusammenbraut und hätten sie nicht am Ufer bleiben können?!  Nein - das war nicht abzusehen! Der See Genezareth ist bis heute berühmt-berüchtigt für die dort auftretenden Fallwinde. Er liegt ca. 200 m unter dem Meeresspiegel und durch diese Lage kommt es immer wieder zu plötzlich auftretenden Stürmen, die in atemberaubender Geschwindigkeit zum Orkan anwachsen. Nein - dieser Sturm war nicht abzusehen. Und darum trifft die Jünger auch keine Schuld, dass sie in eine so brenzlige Lage kommen.

 
Dieser Sturm ist schlimm - aber er ist nichts Ungewöhnliches.  Und das ist eine wichtige Tatsache, die wir uns einmal klar machen müssen. Wenn in unserem Leben plötzlich so ein Sturm aufkommt, dann ist ja die erste und drängendste Frage meistens die nach dem Warum. "Warum muss das jetzt gerade mir passieren?" Und manchmal fragen Menschen auch noch weiter, noch tiefer, sie fragen: "Was habe ich getan, was habe ich verkehrtes getan, damit mir das nun so schlecht geht? Was habe ich verbrochen?"  
Der heutige Predigtabschnitt hilft uns bei der Antwort. Er macht uns klar: die Jünger hatten keine Schuld an diesem Sturm – Stürme sind nichts Ungewöhnliches. Die kommen einfach
so und sie machen dabei keinen Unterschied, wen sie heimsuchen. Und ich meine, das könnte so manchen Menschen trösten: auch Stürme des Lebens kommen einfach so - wir müssen nicht die Schuld dafür bei uns selber suchen!
Natürlich gibt es auch Auslöser für Stürme, die wir zu einem gewissen Grad doch selber beeinflussen oder verschulden. Wer sich mit besoffenem Kopf ans Steuer setzt und dann einen Unfall verursacht und dadurch sein ganzes Leben sich verändert - der trägt selber eine (Mit-) Schuld daran. Aber diese Dinge meine ich jetzt nicht! Ich rede von den Stürmen des Lebens, die einfach so über uns hereinbrechen und wir wissen nicht, warum.  
Stürme, auch Stürme im Leben sind nichts Ungewöhnliches. Sie kommen einfach und dabei machen sie keinen Unterschied wen sie heimsuchen: Es gibt Christen, die Krebs haben und
Nichtchristen, die Krebs haben. Es gibt Unfallopfer, die zu Christus gehören und es gibt
Unfallopfer, die nicht zu Christus gehören. Geschäftsleute gehen Pleite, mit oder ohne Gott!  Stürme sind etwas Natürliches! Und auch wenn man Jesus, der Sohn Gottes im Boot hat, schützt das nicht vor einem Sturm.

 
3.: Dieser Sturm ist wirklich gefährlich!
"... und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es voll wurde."   Eine alte Fassung dieses Abschnittes ergänzt: "...das es zu sinken drohte“; und Lukas beschreibt es so:  "Und es kam ein Windwirbel über den See, und die Wellen überfielen sie, und sie waren in großer Ge-
fahr!"  Dieser Sturm ist tatsächlich gefährlich. Als er aufkommt, geraten die Jünger in absolute Panik. Sie haben allen Grund, Angst zu haben. Sie wissen: ‚Wir sind in größter Gefahr!‘  Die Jünger waren ja am See aufgewachsen. Sie kennen die Witwen aus ihrem Dorf,  die ihre Männer im Sturm verloren haben.  Sie kennen die Gefahr eines solchen Sturmes. Und sie haben Angst, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hat! "Meister, fragst du nicht danach, dass wir umkommen?" Und mit diesem „umkommen“, da meinen sie nicht allein die Tatsache, dass sie vielleicht ertrinken. Das allein wäre ja schon schlimm genug. Aber hier spielt noch ein anderer Gedanke mit: im Denken der Menschen damals war es so, dass das Wasser der Wohnort dämonischer Mächte war.   Im Wasser wohnte das Böse in Person – und wer ihm zum Opfer fiel, der hatte auch keine Chance mehr auf ein jenseitiges Leben. Der war ganz und gar verloren. Und vor allem vor diesem Verloren-gehen haben die Jünger panische Angst. Und es wird noch schlimmer dadurch, dass Jesus wohl bei ihnen im Boot ist – aber nichts tut und einfach schläft!   Auch die Stürme, die uns bedrohen, bergen eine enorme Gefahr in sich, die man nicht unterschätzen darf: sie können uns die Sicht auf Jesus nehmen! Und wer schon in solchen Stürmen war, kennt das sicher: da hast du dein ganzes Leben mit ihm gelebt. Von Kind auf gehörst du zur Gemeinde. Sprichst jeden Tag mit Gott, wenn du betest.  Gehst zur Kirche, liest vielleicht jeden Morgen täglich die Losung, das Kalenderblatt, vielleicht einen Abschnitt in der Bibel.  Und dann kommt da plötzlich so ein Sturm auf - und Jesus schläft! Tut nichts!  In so einer Lage, da ist es dann ganz leicht so, dass man Jesus aus dem Blick verliert. Dass man ihn gar nicht mehr sehen kann. Oder denkt: ‚Er tut ja doch nichts!‘  Das sind quälende Phasen für einen Jünger! Er kämpft mit Todesangst und letzter Kraft gegen den Sturm, und "Jesus ist hinten im Boot und schläft auf einem Kissen."  Und voller Entsetzen kommt dann wie von selbst die Frage: "Interessiert es dich denn gar nicht, dass wir umkommen!?" Weiß Jesus überhaupt wie es mir geht?  Kann er, will er überhaupt noch helfen?? Es ist normal, wenn wir so fragen und wir müssen uns davor nicht schämen!

 
Aber ich will unseren Blick noch einmal auf etwas anderes lenken.  Was meint ihr: Hatte Gott dieses Boot aus den Augen verloren? Hatte er das Interesse an diesem Boot verloren?
War es ihm wirklich egal, ob dieses Boot sinken würde? Ich bin gewiss: es gab nicht einen Flecken im ganzen Universum, der in diesem Moment mehr Aufmerksamkeit Gottes auf sich zog, als dieses kleine Fischerboot in der sturmgepeitschten See: denn Gott selbst war in die-
sem Boot!  In Jesus begegnet uns doch Gott! Und Jesus ist im Boot!  Und darum weiß Gott sehr wohl, was die Jünger durchmachen und er ist sehr wohl daran interessiert!
Und dass Jesus schläft, das ist kein Zeichen dafür, dass er kein Interesse daran hat, wie es seinen Jüngern geht. Dass Jesus schläft, das ist ein Zeichen dafür, dass er es Gott zutraut, dass der auch mit dieser Lage klarkommt! Dass Jesus schläft, ist ein Zeichen seines Vertrauens auf Gott!

 
Die Jünger können das nicht so sehen. Sie sehen ihre schlimme Lage und dass Jesus nichts tut. Und die Frage ist, ob er überhaupt helfen kann.  Aber dann lesen wir weiter: ‚Jesus stand auf ...‘  Das müsst ihr euch mal vorstellen: da schaukelt das kleine Boot hin und her - von einem hohen Wellenberg fällt es in die Tiefe - wird wieder hochgehoben und stürzt wieder ab.  Kein Mensch kann sich dabei halten. Aber von Jesus lesen wir, dass er stehen konnte und nicht aus dem Gleichgewicht geworfen wurde. Dort, wo es drunter und drüber geht, da hält Er das Gleichgewicht, die Übersicht. Jesus steht da und spricht: ‚Schweig und verstum-
me!‘ ‚Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.‘  „Schweig und verstumme“ – diese Worte gebraucht das Neue Testament immer dann, wenn Jesus dem Bösen die Macht nimmt und wenn er den Bösen in die Schranken weist.  Und dadurch, dass diese Worte an dieser Stelle vorkommen, sollen wir sehen: Jesus kennt auch die Angst seiner Jünger, dass sie ganz und gar von Gott verlassen und von ihm getrennt sind.  „Schweig und verstumme“ – ein  Zeichen für die Souveränität Jesu gegenüber allem, was uns aus der Hand Gottes reißen will.

 
Die Stürme im Leben kommen. Unerwartet und heftig. Und wenn wir in eine solche Lage kommen, dann will uns dieser Bibelabschnitt helfen und trösten: der Sturm kann noch so schlimm sein und er kann dir noch so zusetzen: dieses eine schafft er nicht: dass er Gott und dich auseinander bringt!   

 
4.: Unser Glaube wird wachsen und reifen
"Und Jesus sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?   Hören wir die Enttäuschung Jesu in diesen Worten: "Habt ihr denn gar kein Vertrauen?"  
Jesus stellt die Vertrauensfrage - aber er macht uns nicht zur Schnecke!  Auch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Glaube und Unglaube, dass wir Gott vertrauen und dass dieses Vertrauen uns schwer fällt, das liegt oft nahe beieinander! Solange alles in Ordnung ist, ist es mit dem Glauben ziemlich einfach. Aber wenn Sturm aufkommt, dann kann mein Glaube sehr schnell kippen. Und in solche Phasen werden wir immer wieder geraten!  Jesus rechnet damit, und er kann das aushalten. Er bleibt bei uns im Boot. Lässt unseren Glauben wachsen und reifen. Wir haben keinen Schönwettergott! Keinen Gott, der nur für gute Lebensphasen geeignet ist. Sondern wir haben einen Gott, der auch bei uns im Boot ist, wenn Sturm kommt.
Amen.

 
          

 
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