Predigten März - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten März

Predigten > 2017

Predigt über Markus 10, 46-52; Oculi; 19.03.2017; Auftritt KALIBO
Papa! Mit dir geh‘ ich bald nicht mehr essen – das sieht ja richtig asig aus, wie du die Speisekarte liest. Die Leute denken ja, dass du gar nicht lesen kannst!“  Beim Chinesen in Wiesmoor war’s – ’n bisschen dunkler Raum, draußen war’s wolkig, und die Buchstaben auf der Speisekarte werden auch von mal zu mal kleiner, und überhaupt: man ist ja keine vierzig mehr!  Bernd, unser Großer, war empört: „Geh doch mal zum Augenarzt! So wie du da draufkuckst, meint man ja, dass du schon halb blind bist!“  Vor knapp zwei Jahren war das – und beim Augenarzt bin ich inzwischen noch nicht gewesen. Ich komm noch ganz gut so zurecht – und man kriegt ja auch so schlecht’n Termin...  Das ist so’ne Sache mit den Augen! Und das nicht nur, wenn sie schlechter werden und man eigentlich dringend mal was machen müsste! Das ist so’ne Sache mit den Augen! Man kann vielleicht so scharf kucken wie’n Adler – und trotzdem nichts sehen!  Manchmal ist man wie blind – obwohl die Augen völlig in Ordnung sind!
Als Ulrike und ich uns kennengelernt haben, damals in der Handelsschule – ich hab’s einfach nicht geblickt, dass sie mich wohl leiden mochte! Obwohl sie mich jeden Tag total freundlich anlächelte und fast jeden Tag die Mathe-Hausaufgaben für mich gemacht hat! Ich hab’s nicht geblickt, was sie mir eigentlich damit zeigen wollte!

Als „sie“  „ihm“ das Foto unter die Nase hielt, da konnte er nicht sehen, was drauf war. ‘Hä?!‘ Komisches Bild, grau in grau, bisschen verschwommen alles – was soll das?!  Sie musste ihn erst mit der Nase drauf stoßen, dass das ein Ultraschallbild war – und dass das „grau in grau“ nicht weniger war als ihr erstes Kind, das sie nun erwarteten! Er hat’s gesehen und konnte es nicht sehen!


Ich hab es vorhin nicht geblickt, wie Kalibo das mit den Tüchern hingekriegt hat – dass sich da’n Tuch verfärbt hat! Dabei hat er es lang und breit erklärt!   Und gerade mit den Karten, da haben uns wahrscheinlich auch unsere Augen ’nen Streich gespielt...
Thomas, der Jünger, hat einfach keinen Blick dafür gehabt, dass Jesus da ist! Das konnte doch gar nicht sein – er hatte doch mit eigenen Augen gesehen, wie man ihn ins Grab gelegt hatte! Er hat es nicht geblickt, dass Jesus lebt!

Kann das sein? Sind die Augen, denen wir ja eigentlich zutrauen, dass sie uns das zeigen, was wahr ist – sind diese Augen nicht in der Lage, uns von der Wirklichkeit Gottes zu über-
zeugen?   Anders gesagt: „Ich glaube nur das, was ich sehe!“ – das ist doch eine ganz starke Aussage: das, was ich sehen kann, das ist wirklich da!  Diese Erfahrung haben wir immer und immer wieder gemacht! Wie kann es dann sein, dass wir trotzdem manches nicht sehen und nicht erkennen können? Auch wenn die Augen völlig in Ordnung sind!



Unsere Augen sind eben nicht das Maß aller Dinge! Gerade in der heutigen Zeit merken wir das doch ständig: das, was wir sehen, muss in Wirklichkeit gar nicht so sein!  Da siehst du’n Foto von einer Frau, von der du genau weißt: die hat echt Krähenfüße im Gesicht!  Aber auf dem Foto hat sie ’ne Haut zart wie’n Pfirsich!  Du siehst glatte Haut – und es sind Krähenfüße da!   Aber einmal mit dem Bild durch’n spezielles Computerprogramm – und weg sind die Krähenfüße!  Damit würd‘ man sogar meinen Bauch wegzaubern  – das, was nicht mal Kalibo aufm Schiff geschafft hat!
Manchmal werden unsere Augen einfach getäuscht – etwas, was da ist, sehen wir nicht  oder umgekehrt: was wir sehen, ist in Wirklichkeit gar nicht so!  Kalibo macht das, um Menschen zum Staunen zu bringen – und sie drauf zu stoßen, dass es noch viel mehr gibt, als das, was wir sehen können!  Und dass wir uns nicht voreilig auf das verlassen sollen, was wir sehen – manchmal kann die Wirklichkeit völlig anders sein!

Aber nicht alle, die unsere Augen täuschen, verfolgen diese gute Absicht damit!  Manche wollen uns damit manipulieren und beeinflussen – damit wir nicht das sehen und tun, was richtig und gut ist, sondern etwas, was ihren Interessen nützt. Dass wir z.B. bei einer Wahl unser Kreuzchen hinter so’n verkappten Nazi-Kandidaten machen oder uns blenden lassen von irgendwelchen Halbwahrheiten und damit denen Oberwasser geben, die dem Frieden nicht dienlich sind.
Manchmal werden unsere Augen einfach getäuscht und wir fallen darauf rein – aber manch-
mal sehen wir auch nur das, was wir sehen wollen!  „Max – tu was für die Schule! Sonst seh‘ ich mit deiner Versetzung schwarz!“  Aber Max will das gar nicht sehen und er will sich nicht anstrengen müssen – und am Ende, vor den Sommerferien, macht er’n langes Gesicht!    „Geh doch mal zum Arzt! Das ist ja nicht normal, wie viel du ständig trinkst – jeden Tag vier, fünf Liter Wasser!“  „Hee, ich hab einfach Durst, ist ja auch so warmes Wetter!“  Und irgendwann kippt er um, weil der Zuckerspiegel auf 800 ist!    „Geht doch mal zu einer Beratung für Ehepaare! Ihr habt euch ja ständig in den Futten und man merkt gar nicht
mehr, dass euch irgendwas verbindet. Nehmt doch Hilfe in Anspruch!“  „Ach was, so’n Psychofuzzi brauchen wir nicht...!“  Und’n paar Monate später steht der Möbelwagen vor der Tür...


Manchmal ist es schwer, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen – und darum entscheidet man sich: „Augen zu und durch!“  Das erscheint dann besser zu sein, als sich der Wirklichkeit zu stellen! Denn wenn wir uns der Wirklichkeit stellen, dann kann das bedeuten: ich muss etwas anders machen!  Ich kann nicht so weitermachen, wie ich’s immer gemacht habe!   Und Veränderung fällt grundsätzlich den meisten Menschen schwer – und uns Ostfriesen ganz besonders!
Von Jesus wird an vielen Stellen erzählt, dass er Menschen die Augen öffnet. Dass er Blinde heilt – so, dass sie wieder sehen können. Und oft wird dann dazu erzählt, dass sie nicht nur körperlich gesund werden, sondern dass sie einen anderen Blick für’s Leben kriegen. Dass sie erkennen, was wirklich wichtig ist. So wie an der Stelle aus Markus 10, die ich jetzt lesen will:  Als Jesus Jericho wieder verließ, ... saß da am Straßenrand ein Blinder und bettelte.
Es war Bartimäus, der Sohn von Timäus. Als er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, der da vorbeikam, fing er an, laut zu rufen: ‚Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!‘ Viele fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: ‚Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!‘   Da blieb Jesus stehen und sagte: ‚Ruft ihn her!‘ Einige liefen zu dem Blinden hin und sagten zu ihm: ‚Fasse Mut, steh auf! Jesus ruft dich!‘ Da warf der Blinde seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus.  ‚Was willst du?‘, fragte Jesus. ‚Was soll ich für dich tun?‘ Der Blinde sagte: ‚Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!‘  Jesus antwortete: ‚Geh nur, dein Vertrauen hat dir geholfen!‘  Im gleichen Augenblick konnte er sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.
Hier kommt beides zusammen: dass Bartimäus wieder kucken kann – er sieht Menschen und Bäume, Kamele und vielleicht die Cocktailbar unter den Palmen und all die anderen schönen Dinge. Und allein das ist ja schon wahnsinnig schön für ihn! Er ist seine Krankheit los – das heißt auch: er gehört wieder dazu! Wird nicht mehr gemieden! Keiner kann ihn mehr rumschubsen! Aber im gleichen Satz wird das noch gesteigert, wenn da steht: „... er konnte sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.“  Jesus auf dem Weg folgen – das ist nach der Bibel das Höchste, was einem Menschen passieren kann.
Jesus folgen – das heißt: Ich kriege einen Blick dafür, wofür ich lebe und was das ganze Leben soll!    Jesus folgen – das bedeutet: nicht mehr nur schwarz-weiß sehen, sondern auch die Zwischentöne erkennen!   Jesus folgen – das heißt: ich kriege einen Blick für das, was wirklich zählt und was mich trägt. Auch dann, wenn ich durch ganz dunkle Phasen muss.  
Jesus folgen – das heißt oft auch: man kann nicht einfach so mit allem weitermachen wie bisher, man hat vielleicht in manchen Dingen einen neuen Standpunkt.  

Bartimäus hat’s echt gut getroffen, als Jesus ihn zu sich rufen ließ – er kann mit seinen Au-
gen sehen und er kann mit seinem Herzen sehen! Er gewinnt vertrauen zu Jesus – zu dem, in dem Gott für uns da ist! Gott hat dem Bartimäus die Augen geöffnet und dadurch ist alles anders geworden.
Dass Bartimäus das so erlebt hat, dafür hat er selber gar nicht so viel getan. Die Augen ge-
öffnet hat ihm Gott durch Jesus! Er selbst ist nur dorthin gegangen, wo er Jesus vermutet hat. Er hat gehört, dass Jesus ganz in seiner Nähe unterwegs ist. Und da ist er angefangen zu schreien: ‚Erbarme dich, hilf mir!‘  So wie bei uns Menschen danach rufen, dass sie Hilfe kriegen – damit sie’s Leben bewältigen können. Mancher ruft laut wie Bartimäus und fordert Hilfe ein – aber die meisten rufen glaub‘ ich leise in sich hinein. Oft hört man, oft versteht man gar nicht und kriegt das gar nicht so richtig mit, dass jemand danach ruft, dass er ‚sehen‘ kann, dass sein Leben heil wird. Darum sollen wir einen Blick füreinander haben. Manchmal klappt das ganz gut – aber auf jeden Fall ist da noch viel Luft nach oben!
Ihr habt das für euch ja schon gut hingekriegt – sonst würdet ihr ja nicht hier sein!
Und wenn ihr und ich, wenn wir nun bald in die neue Woche starten, dann kann es sein, dass Jesus uns die Augen öffnet. Dass wir manches sehen und erkennen, was wir bis jetzt noch nicht so sehen konnten. Vielleicht sehen wir etwas, das wie ein Wunder für uns ist.

Einer sieht vielleicht, wie er sich in einer bestimmten Sache entscheiden soll.
Eine andere bekommt einen Blick für das, womit sie ihrem Kind oder ihrem Enkel eine Freu-
de machen kann. Jemand anders sieht vielleicht ein Licht am Ende eines langen Tunnels – endlich sagt Mutter oder Vater „Ja“ zu einer Polin oder zum Umzug in eine Seniorenwohnung!  Und es kann auch sein, dass uns jemand anders in den Blick gerät, für den es gut wäre, Jesus zu begegnen – vielleicht bringst du ihn nächsten Sonntag mit!
Wirklich sehen, klar sehen, alle Perspektiven sehen, wahrhaftig sehen – das ist schwer und manchmal kann man sich echt täuschen – so, wie Kalibo uns das heute zeigt. Aber trotzdem – es lohnt sich, es wie Bartimäus zu wagen und alles auf die eine Karte zu setzen! Und dann ist es die Sache von Jesus, ob wir blind bleiben oder ob uns die Augen aufgehen und es von uns heißt: ‚Geh nur, dein Vertrauen hat dir geholfen!‘ Amen!
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