Predigten November - Evangelisch-lutherische Christus-Gemeinde Spetzerfehn

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Predigten November

Predigten > 2017

  
Predigt über Johannes 16, 33;  Ewigkeitssonntag 2017

Liebe Gemeinde, jeder von euch hat auf seinem Platz diese Karte gefunden:  „Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Darauf abgebildet ein Mensch, der seinen Weg geht:  aufgerichtet, mit genug Kraft, dass er den Rucksack auf seinem Rücken tragen kann, mit erhobenem Kopf,  den Blick nach vorne.
Dass sie so ihren Weg gehen können – wie sehr wünsche ich das denen, für die das im Moment noch ganz schwer ist. Die die Last, die sie tragen müssen, kaum tragen können. Für viele von euch ist das die Last, die durch den Tod auf eure Schultern gelegt wurde. Viele in unserer Gemeinde mussten Abschied von Menschen nehmen, die ihnen nahe standen und ganz eng mit ihrem eigenen Leben verbunden waren.  Und bis heute ist es bei vielen so, dass der Gedanke an diese Menschen Tränen in die Augen treibt! Der Schmerz ist immer doch da! Bei manchen von euch sind die Wunden, die der Tod gerissen hat, noch ganz frisch – und bei anderen reißen sie heute wieder auf.  Bei einigen Familien sind es gleich mehrere Angehörige, die binnen kurzer Zeit gestorben sind. Und dazwischen war überhaupt keine Chance, zu trauern und wenigstens wieder ein bisschen auf die Füße zu kommen.  Und dann ist es mit dem Mut meist nicht weit her – im Gegenteil: Angst macht sich breit. Die Angst davor, ob man es schafft! Ob man wieder einen guten Weg findet, den man gehen kann. Und bei vielen ist auch die Angst da vor dem, was vielleicht noch kommt.  Egal, wovor  und  egal, wie sie sich zeigt: Angst gehört zu den Dingen, die uns in unserer Zeit sehr zu schaffen machen.
Angst‘ – nur dieses eine Wort habe ich bei Google eingegeben. Und ich war echt baff,
als ich das Ergebnis sah – es wird ja alles fein säuberlich angezeigt und ich las: ‚Ungefähr 90.000.000 Ergebnisse in 0,61 Sec.‘  Das ist so viel, dass man es gar nicht begreifen und umsetzen kann. Und nicht immer ist Angst negativ. Ohne Angst würden wir in manchem leichtsinnig werden und blind für tausend Ge-fahren. Wir würden nicht zur Vorsorgeunter-suchung gehen, wir würden mit’m Auto noch riskanter fahren als manchmal sowieso schon, wir würden keine Versicherungen abschließen, um uns vor unkalkulierbaren Kosten zu schützen. So gesehen ist Angst sinnvoll und nützlich und es ist gut, dass sie uns von unserem Schöpfer mitgegeben wurde.  
Aber diese Art von Angst meine ich heute nicht. Ich meine die Angst, die Menschen mutlos macht. Die sie einengt und belastet und die ihnen die Lust am Leben nimmt. In meinem Beruf werde ich oft damit konfrontiert und in der Seelsorge gehört das zu den häufigsten Belastungen, mit denen Menschen zu mir kommen und das Gespräch suchen: sie haben Angst.  Angst vor dem Heute. Angst vor dem Morgen.  Manchmal auch Angst vor dem Gestern. Vor dem, was war und was man irgendwie weggesteckt hat - und was doch wieder hochkommen und auftauchen könnte.  So mancher hat Angst vor dem Leben – und so viele haben Angst vor dem Sterben.  Eine Frau im mittleren Alter saß mir gegenüber – den Blick nach unten gerichtet, den Rücken nach vorne gebeugt, die Finger bewegten sich rastlos hin und her – und sie sagte: „Ich weiß nicht, was ich habe. Ich glaube, ich habe Angst vor der Angst.“
Wir leben in einer Welt, in der wir zunehmend mit Dingen konfrontiert werden, die Angst auslösen: Angst vor schlimmer Krankheit; Angst davor, dass die Eltern pflegebedürftig werden und man nicht weiß, wie man es schaffen soll.  Angst davor, dass man den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist;  Angst, dass man vergeblich in eine Beziehung investiert hat; Angst vor Terror. Und bei Menschen, die jemanden verloren haben, kommt oft noch eine andere Angst hinzu: dass sie vielleicht etwas versäumt haben, oder dass sie etwas verkehrt gemacht oder falsch entschieden haben. Gerade Trauernde sind der Angst oft besonders bedrohlich ausgesetzt.  
In den Buchhandlungen und im Internet gibt es tausende Ratgeber gegen die Angst – so als wäre sie eine schlechte Angewohnheit, die man sich abgewöhnen sollte. Aber im Normalfall werden wir das nicht hinkriegen – weil das eine Aufgabe ist, die über unsere eigene Kraft geht. Wenn wir Angst haben, dann ist das so ähnlich, als wenn wir auf einem Karussell sitzen, dass sich dreht und dreht und wir schaffen es nicht, dass wir da heil runterkommen. Mit eigener Kraft können wir dieses Karussell nicht anhalten – wenn es zum Stillstand kommen soll, dann muss von außen jemand eingreifen und es anhalten. Erst dann kommen
wir da runter und können anfangen, dass wir wieder Mut gewinnen. Und da kann es gut sein, dass uns dieser Satz auf der Karte in die richtige Richtung weist: „Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Die Richtung, in die sie zeigt, ist die Bibel, ist eigentlich Gott selbst. In der Bibel, da zieht sich die Angst wie ein roter Faden von vorne bis hinten durch. Wir erfahren von vielen Menschen, die Angst haben und die vor Angst bald vergehen – aber wir erfahren auch davon, wie sie wieder einen Weg gefunden haben, auf dem sie gehen konnten. Mutig,  aufrecht, mit erhobenem Kopf, und mit genügend Kraft, die Lasten des Lebens zu tragen.  
Heute will ich mit euch als erstes auf das hören, was Jesus zum Thema Angst und Mut sagt – und das ist erstmal ziemlich ernüchternd: „Jesus sprach zu seinen Jüngern: ‚In der Welt habt ihr Angst!‘ Jesus sagt es uns auf den Kopf zu: Ihr werdet Angst haben! Er belügt uns also nicht! Und er bietet uns keine Opiumreligion an, keinen Glauben, mit dem wir uns irgendwie betäuben und einlullen. Jesus sagt ganz klar, wie es ist: unter den Bedingungen dieser Welt müsst ihr damit rechnen, dass ihr mit Dingen zurechtkommen müsst, die euch Angst machen.  Und das Wort, das in der Originalsprache an dieser Stelle steht, bedeutet soviel wie: Druck und Enge und Ausweglosigkeit.   
Angst‘ kommt von ‚Enge‘ – und wenn’s eng wird, dann werden wir unsicher oder wir fühlen uns, als wenn wir lahm sind oder wir kommen in Panik und aller Mut verlässt uns. Und Jesus weiß, wovon er redet, weil er ja weiß, was auf ihn zukommt:  die Nacht in diesem einsamen Garten Gethsemane steht ihm noch bevor, in der er furchtbare Angst haben wird und Blut und Wasser schwitzt.   Dann die Stunden, in denen er gedemütigt und verspottet wird und in denen man ihn quält bis aufs Blut. Die elenden Stunden, in denen er am Kreuz hängt – mit furchtbaren Schmerzen und mit dem furchtbaren Gefühl: Sogar Gott hat mich verlassen!
Und wie viele von denen, um die wir trauern, haben es ähnlich erlebt: der Körper zerfressen von der Krankheit und belastet von Medikamenten,   und die Seele wie eine einzige wunde Stelle von den Gedanken, die man sich macht und mit denen man oft genug alleine ist.   
Und wie viele von euch haben es erlebt, liebe Gemeinde: dass du daneben stehst und nicht wirklich helfen kannst! Und zuletzt ist man nur noch dankbar, dass die Quälerei ein Ende hat. Und wem immer es so geht, der hat in Jesus einen an der Seite, der genau weiß, wie das ist! Weil er es selber durchgemacht hat!  „In der Welt habt ihr Angst!“
Aber das ist Gott sei Dank nicht das einzige, was Jesus dazu sagt! Und mit dem, was dann kommt, da leitet er die Wende ein, er sagt: „Aber seid getrost!“  Wörtlich steht da: „Seid mutig!“  Jesus sagt nicht: ‚Es ist alles halb so schlimm! Wird schon wieder werden! Du musst nur positiv denken!‘  Nein – es ist schlimm! Und wenn man wie ihr einen Menschen verloren hat, dann wird nichts wieder so, wie es bis dahin war! Und mit positivem Denken kommst du
meist auch nicht wirklich weiter – das kos-tet meist viel mehr Kraft, als du im Moment auf-bringen kannst. Und trotzdem sagt Jesus „Seid mutig!“
Mut ist das Gegenteil von Angst!   Mut ist, wenn man sagt: ‚Ich will nicht aufgeben! Ich weiß noch nicht, wie es wird und ob ich es schaffe, aber ich will es probieren!“  Diese Haltung zu haben, das heißt Mut zu haben!  Und eine gute Hilfe, wieder Mut zu bekommen ist, zu reden. Auf der Karte steht ja: „Mut ist Angst, die gebetet hat“ – und beten ist ja erstmal nichts anderes als reden. Und da finden wir in der Bibel sehr viele Beispiele, wie Menschen, die Angst haben, wieder Mut bekommen, weil sie über ihre Angst reden. Josua ist so ein Beispiel. Er lebte lange vor Jesus und er hatte auch Angst und keinen Mut mehr. Er hatte eine gewaltige Aufgabe vor sich – er musste einen Weg in die Zukunft finden, für sich und andere. So wie viele von euch, liebe Gemeinde, einen neuen Weg für sich finden müssen. Da habt ihr mit einem lieben Menschen an eurer Seite das Leben geteilt – und nun ist dieser Mensch nicht mehr da und ihr müsst alleine weiter. Da muss erst ein Weg gefunden werden und da muss wieder Mut gefasst werden. Und da ist es oft ein Anfang der Hilfe, dass man mit anderen darüber redet!  Die Angst auszusprechen – denn wenn ich sie ausgesprochen habe, dann ist nicht mehr so viel von ihr in mir. Und wenn ich nicht mehr so viel Angst in mir habe, dann kann ich etwas freier atmen.  Und ich glaube, viele von euch haben die Erfahrung gemacht, wie gut das tut, dass sie mit jemandem reden konnten. Vielleicht mit jemandem, der das auch schon erlebt hat, dass er die Frau, den Mann verloren hat und der es geschafft hat, einen neuen Weg zu finden. Und das kann wirklich Mut machen – wenn der es geschafft hat, dann kann ich es auch schaffen, ich will es wenigstens probieren!    Und wenn man über solche Dinge mit einem Menschen spricht, dann ist man kein Schwächling! Sondern man gönnt sich etwas, was gut tut! Allzu viele Menschen wird es nicht geben, mit denen man so reden kann – aber das spürst du wohl, mit denen das geht – und da solltest du es dann auch tun.  
Mut ist Angst, die gebetet hat!“ Bei diesem Satz kommt nun aber eine spezielle Art zu reden in den Blick – nämlich, dass wir mit Gott reden! Und wenn wir das tun, dann holen wir den mit ins Boot, der stärker ist als alles, was uns den Mut nehmen will! Das meint Jesus, wenn er sagt: „Ich habe die Welt überwunden!“ Mit dem Wort „Welt“ ist hier nicht das gemeint, was wir darunter verstehen – die schöne Welt um uns herum, z.B. einen tollen Sonnenuntergang oder das Wellenrauschen am Strand oder wenn man auf dem Deich steht und sich vom Wind durchpusten lässt. Das Wort „Welt“ bedeutet hier: das, was uns von Gott abhalten will und das, was uns von Seiner Kraft abklemmen will.  Und wo wir von Gottes Kraft abgeklemmt sind, da haben wir es doppelt schwer, wieder Mut zu kriegen!  Einfach darum, weil ER, Gott, der Mut-macher in Person ist! So hat Jesus das gelebt: wo immer Menschen ihm begegnet sind, da haben sie gemerkt: er richtet mich auf! Er hilft mir, dass ich wieder nach vorne sehen und nach vorne gehen kann! Er erfüllt mich mit neuer Kraft!  ER gibt Mut!   Und Er sorgt dafür, dass das, was mir den Mut nehmen will, nicht gewinnt!  Das ist damit gemeint, wenn Jesus sagt: ‚... Ich habe die Welt überwunden!‘ Und ich bin sicher, liebe Gemeinde: viele von euch haben genau diese Erfahrung gemacht: als sie mit Gott über ihre Angst geredet haben, da ist die Angst kleiner und der Mut größer geworden. Und viele haben es nach und nach gemerkt, dass sie wieder einigermaßen kraft-voll gehen können – aufgerichtet,  mit genug Kraft, dass sie den Rucksack mit der Last des Lebens tragen können, mit erhobenem Kopf, den Blick nach vorne. „Mut ist Angst, die gebetet hat!“ Es käme auf einen Versuch an! In diesem Sinne: Sei mutig! Amen.

 
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